MicroFiction
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114. Lynchturm III
Lynchturm III
Müde kroch der alte Leuchtturmwärter aus seinem Blick. Nur mit kleinen Augenschlitzen mühte er sich die Treppe hoch. In der obersten Etage erschrak er. Vor seinen Füßen lag ein lebloser Körper, daneben der abgetrennte Kopf.
„Kannst du nicht einmal aufpassen, Paul? Ständig stolperst du über irgendwas und verlierst deinen Kopf. Das nächste Mal, wenn sich ein Zombie als WG-Partner bewirbt, sage ich nein. Diese Tollpatschigkeit hält man ja im Kopf nicht aus.“
(c) 2023, Marco Wittler
113. Lynchturm II
Lynchturm II
Die Tür des Leuchtturms öffnete sich. Der Wärter trat ein.Pfeifend stieg er die schmale Treppe hinauf, den Einkauf in seiner Hand.
Plötzlich erschrak er. Auf dem alten Sofa lag etwas. Es war groß, rund und konnte nur …
„Ein menschlicher Schädel. Wer ist so skrupellos, dass er einen Menschen in meinem Leuchtturm tötet?“
Der Wärter ließ die Tasche fallen, wählte die 110 am Telefon. Während es tutete sah er zurück und entdeckte seinen Fehler. Auf dem Sofa lag der Kohlkopf vom gestrigen Einkauf.
(c) 2023, Marco Wittler
112. Lynchturm I
Lynchturm I
Der alte Leuchtturmwärter saß gemütlich in seinem Sessel. Hin und wieder warf er einen Blick nach oben, um das Licht zu kontrollieren, bevor seine Nase wieder in einen spannenden Krimi steckte.
Plötzlich hörte er einen Schrei. „Da hängt ein angetrennter Kopf. Ruft die Polizei.“
Schnell lief er zur Tür und seufzte genervt.
„Leute. Jetzt ehrlich?“ Kopfschüttelnd entfernte er den geschnitzten Kürbis vom Seil. Dass selbst an Halloween die Passanten so empfindlich waren, verstand er nicht.
(c) 2023, Marco Wittler
111. Leuchtturm der Angst
Leuchtturm der Angst
Der alte Leuchtturmwärter saß noch spät in der Nacht in seinem Liegestuhl auf dem Deich und genoss den einsamen Blick auf das unendliche Sternenmeer.
Ein heller Stern löste vom Firmament, stürzte der Erde entgegen, zog einen langen Schweif hinter sich her und verblasste.
Fast zeitgleich begann der Boden unter den Füßen des Wärters zu beben. Schnell stand er auf und legte die Hand auf die Wand des Leuchtturms.
„Keine Angst, Kumpel. Das war nur eine Sternschnuppe. Du musst nicht zittern.“
(c) 2023, Marco Wittler
110. Die gestreifte Todesfalle
Die gestreifte Todesfalle
Unter Mühen öffnete er die stählernde Zugangstür des Leuchtturms. Rost rieselte aus den Scharnieren.
Dem Techniker schauerte es. Die Schauergeschichten über diesen Ort hatte er oft genug gehört. Ein Leuchtturm, der Menschen töten sollte.
Er stieg die Treppe hinauf, öffnete mit einem Spezialschlüssel die Leuchte und beugte sich für die Wartung hinein.
Plötzlich bekam er einen Stoß. Die Glastür knallte zu und schloss ihn ein.
Ein verrücktes Lachen erschallte durch den Leuchtturm.
(c) 2023, Marco Wittler
109. Krimi
Krimi
„Der Boden knarzte. Er …“
Sie machte beim Lesen eine kurze Pause.
„… erschrak. Schnell warf er…“ Wieder unterbrach sie die Lektüre, seufzte leise.
„… einen Blick über seine Schulter und sah…“
Es war zum aus der Haut fahren. „Wie soll ich die Spannung in dem Krimi genießen können, wenn ich nicht einen Satz am Stück beenden kann?“
Sie ärgerte sich, den Job als Leuchtturmwärterin angenommen zu haben. Das sich unaufhörlich drehende Licht ging ihr schon in der ersten Nacht auf die Nerven.
(c) 2023, Marco Wittler
108. Scharf
Scharf
„Das duftet so frisch und lecker.“
Die Schlange kroch seit ein paar Minuten um ein Hustenbonbon herum, das ein Mensch hatte fallen lassen. Irgendwann entschloss sie sich, es zu verspeisen.
„Verdammt, ist das scharf. Meine arme Zunge.“
Sie kroch weiter, stieß gegen einen Kaktus. „Meine Zunge ist taub, ich sehe nichts mehr.“
Das war das Schlimmste überhaupt, denn sie nahm ihre Umgebung mit der Zungenspitze wahr.
Genervt besorgte sie sich eine Sehhilfe, wurde so zur ersten Brillenschlange.
(c) 2023, Marco Wittler
107. Verrückt
Verrückt
„Papa, können wir mal etwas Verrücktes machen, damit die Menschen über uns staunen, den Kopf schütteln, sich fragen, warum wir das tun? Fallschirmspringen, Wände bemalen oder was ganz anderes.“
Papa sah sein Kind nachdenklich an und nickte schließlich grinsend.
Zehn Minuten später hatte er sich ein riesiges Quietscheentchen und den einen Arm geklemmt, das Kind an der anderen Hand und spazierte lachend durch die Stadt.
„Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt, Papa. Das ist voll peinlich.“
(c) 2023, Marco Wittler
106. Das unbeugsame Wölkchen
Das unbeugsame Wölkchen
Es war ein sonniger und warmer Tag. Der Himmel war blau und keine einzige Wolke war zu sehen.
Wirklich keine? Nein. Ein unbeugsames Wölkchen schlich sich vor die Sonne und fiel in kleinen Tröpfchen zur Erde hinab.
„Was wird das denn? So war das Wetter aber nicht abgesprochen.“ Die Sonne schickte ihre warmen Strahlen aus, verdampfte jedes einzelne Tröpfchen und setzte die Wolke wieder zusammen. Dann schob sie sie fort.
„Du hast heute deinen freien Tag. Komm doch bitte Morgen wieder.
(c) 2023, Marco Wittler
105. Muse
Muse
Der Geschichtenerzähler saß noch spät vor einem leeren Blatt Papier.
„Verdammt! Mir fällt nichts ein.“
Er vergrub das Gesicht in den Händen und bemerkte nicht das Wesen, dass hinter einem Bild hervorlugte. Die kleine Muse schnappte sich zwei Büroklammern, ließ sie in der Hoffnung tanzen, den Erzähler zu einer Geschichte inspirieren zu können.
„Jetzt sehe ich schon lebendige Büroklammern.“ Er stand auf. „Ich brauche wohl eine Mütze voll Schlaf.“
Die Muse seufzte. „Dem ist nicht mehr zu helfen.“
(c) 2023, Marco Wittler