Kindergeschichten

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521. Winterschlaf

Der Wecker klingelte. Die Frühlingsgöttin wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen. Müde gähnte sie laut und rieb sich den Sand aus den Augen.
„Was denn? Schon wieder Frühlingsanfang. Ich will doch noch ein wenig schlafen.“
Sie überlegte kurz und lächelte schließlich spitzbübisch. Die Frühlingsgöttin griff zum Wecker, drehte die Zeiger zwei Wochen zurück. Augenblicklich begann draußen ein kräftiger Schneesturm zu wüten, der die Erde wieder weiß färbte.
„Gute Nacht.“

(c) 2024, Marco Wittler

520. Gitarrenunterricht

„Ich will Musikerin werden. Das ist mein großer Traum.“
Fritzi betrat die Musikschule. Endlich würde sie die Gitarre lernen. Sie kam ihrem Plan, eine Rockband zu gründen, einen großen Schritt näher.
Fritzi legte eine Hand auf die Seiten, versuchte den ersten Ton zu spielen. Es ertönte ein leises Pling, so leise, dass es kaum jemand hören konnte.
Fritzi seufzte enttäuscht. „Warum gibt es eigentlich keine Gitarren für Flöhe? Wie soll ich mehr als eine Seite spielen?“

(c) 2024, Marco Wittler

519. Meister der Tarnung

Der Kater war siegessicher. Heute würde er die Maus endlich erwischen. Im Garten hätte sie wie immer eine Chance gehabt. Hier im Haus war aber sein Reich. Hier kannte er jedes Versteck und jede dunkle Ecke. Sie konnte ihm nicht mehr entkommen.
Die Maus lief ins Nähzimmer.
„Ha! Das war ein Fehler. Du sitzt in der Falle.“
Und dann sah er sich ungläubig um. Sie war verschwunden.
„Wie? Was? Unmöglich.“
Die Maus saß kichernd in der Knopfdose. Es hatte Vorteile, Knopfaugen zu besitzen. Beste Tarnung.

(c) 2024, Marco Wittler

518. Des Rätsels Lösung

„Gleich!“ Er musste leise kichern. „Gleich ist es so weit. In wenigen Augenblicken werde ich das Rätsel, an dem ich schon so lange forsche, gelöst haben.“
Er griff zum Kugelschreiber, wollte die letzten Zeichen in seiner Tabelle eintragen, als er ein genervtes Seufzen neben sich hörte.
„Mensch, Heinrich.“, beschwerte sich Brigitte. „Kannst du nicht ein einziges Mal ein Kreuzworträtsel lösen, wie alle anderen auch? Immer dieses Theater.“

(c) 2024, Marco Wittler

516. Schlammbad

Langsam ließ sie sich in dem dunkelbraunen Schlammbad nieder. Das hatte sie sich nach der harten Woche redlich verdient.
Sie seufzte glücklich. „Ich war jeden Tag stundenlang unterwegs. Mir tut alles weh. Aber nach dem Bad wird das bestimmt schon besser sein.“
Paul, der von alledem nichts mitbekommen hatte, griff zu seiner heißen Schokolade. Noch bevor er einen Schluck davon trank, bemerkte er die Fliege darin. „Nicht dein Ernst!“
„Doch!“, antwortete sie. „Das hab ich mir verdient.“

(c) 2024, Marco Wittler

516. Tarzan

„Ich bin der Herr der Lüfte, ein Meister an der Liane. Ich bin der König des Waldes. Ich bin Tarzan.“
Tarzan griff zum Seil, das vor ihm baumelte, schwang es hin und her und stürzte unsanft auf den Boden.
„Wie oft soll ich es dir noch sagen?“ Die Frau, die gerade ins Wohnzimmer kam, schüttelte den Kopf. „Du bist nicht Tarzan. Du bist ein Kater mit einem viel zu dicken Hintern. Du kannst dich nicht durch die Wohnung schwingen.“
„Mach mir meine Träume nicht kaputt.“, antwortete der Kater.

(c) 2024, Marco Wittler

515. Ich habe auf dich gewartet

Irgendwas stimmte da nicht. Seit einer Stunde stand er auf der Landstraße im Stau. Es ging einfach nicht weiter.
Mario stieg aus, marschierte an den Autos vorbei, wollte wissen, was da passiert war.
Nach ein paar hundert Metern entdeckte er das große Krokodil auf der Straße.
„Mario, mein Erzfeind. Endlich!“
Mario seufzte. „Das hier ist kein Computerspiel und ich bin kein Klempner. Verzieh dich in deinen Teich, ich habe eine Pizza auszuliefern.“

(c) 2024, Marco Wittler

514. Laufsteg

Sie betrat den Laufsteg. Sie wusste, dass jetzt alle Augen auf sie gerichtet waren. Jetzt musste nicht nur jeder Schritt, sondern auch das Outfit sitzen.
Sie zog sich ein letztes Mal ihren Einteiler zurecht, dann marschierte sie los.
Sie blickte weder nach rechts, noch nach links, achtete nicht auf die Menschen, die den Atem anhielten und ihr hinterher sahen.
Sie erreichte das Ende des Stegs. Sie griff zur Nase, hielt sie die Löcher zu und sprang.
„Arschbombe!“, rief sie und landete im Wasser.

(c) 2024, Marco Wittler

513. Spaziergang mit Folgen

RoboDog stand stolz vor dem Spiegel und betrachtete seinen künstlichen Körper von oben bins unten. Es hatte große Vorteile, ein Roboter zu sein. Er war unglaublich stark und unzerstörbar.
„Los, RoboDog. Wir gehen spazieren.“
Ui. Spazieren. Das liebte RoboDog. Er schnappte sich die Leine.
Gemeinsam mit Frauchen verließen sie das Haus – und standen im strömenden Regen.
RoboDog spürte, wie sich der Rost in seine Gelenke fraß. Doch da war es schon zu spät.

(c) 2024, Marco Wittler

512. Live in Concert

Er setzte sich. Sein Blick verriet höchste Konzentration. Heute würde er das erste Mal auf dem neu gelernten Musikinstrument spielen. Entsprechend nervös war er.
Hatte er an alles gedacht? Lagen die Noten bereit? Hatte er ausreichend getrunken, um den Auftritt bis zum Ende durchzuhalten?
Er schloss die Augen, atmete ein letztes Mal tief durch, bevor er in die Toilettenschüssel zu pinkeln begann. Mit jedem Tropfen spielte er seine neueste Komposition.
Normal aufs Klo gehen konnte halt jeder.

(c) 2024, Marco Wittler