Schwere Entscheidung
Ein weiteres Mal schloss er seine Augen, holte tief Luft und versuchte, seine Aufregung unter Kontrolle zu bringen. Mittlerweile hatten sich erste Schweißperlen auf seiner Stirn gebildet, die ihm nach und nach über die Wangen herabrannen und in seinem Hemdkragen verschwanden.
Er öffnete seine Lider und sah vor sich auf den Tisch. »Den Roten oder den Blauen.« Verdammt noch mal. Er hasste es, sich immer wieder aufs Neue entscheiden zu müssen. Er hatte eine Chance von eins zu eins. Nahm er die richtige Farbe, würde sich alles zum Guten wenden, bei der falschen musste es zwangsläufig fatal enden.
»Rot oder blau?« Mit der linken Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn, mit der anderen durch das Haar. »Wie halten die anderen das nur aus? Diese Situation ist einfach unmenschlich und barbarisch.«
Sein Blick fiel auf die Uhr an der Wand. Er hatte nur noch wenige Sekunden. Jetzt galt es. Jetzt musste er die Entscheidung treffen.
Mit zitternder Hand griff er zum roten Kugelschreiber, zog das leere Blatt zu sich und begann endlich zu schreiben.
»Sehr geehrte Damen und Herren.«
In diesem Moment begann die Glocke des Kirchturms zu schlagen. Mitternacht. Der neue Tag hatte begonnen.
Der Geschichtenerzähler atmete erleichtert auf. »Jetzt kann mir niemand vorwerfen, ich hätte nicht schon Gestern mit dem Brief an den Verlag begonnen. Den Rest verschiebe ich dennoch lieber auf Morgen.« Er kicherte. Was eben noch der morgige Tag gewesen war, hatte sich gerade zum Heute verwandelt. »Ich muss dringend ins Bett und noch einmal über alles schlafen. Vielleicht gefällt ihnen mein Manuskript auch gar nicht.«
Er legte Stift und Papier zur Seite, löschte das Licht und ließ seinen Schreibtisch im Dunkeln zurück.
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