MicroFiction
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140. Bienen
Bienen
Paul wollte seiner geliebten Hanna heute eine wichtige Frage zu stellen. Dazu hatte er sich etwas Einzigartiges überlegt. Er legte die letzte wohlig duftende Blüte ab, dann öffnete er die Eingänge seiner Bienenstöcke.
Sofort strömten die kleinen Insekten ins Freie, verteilten sich auf den Blüten, sie so lecker nach Nektar dufteten.
Vom lauten Brummen wurde Hanna ans Fenster gelockt. Dort sah sie in braungelben Buchstaben „Willst du mich heiraten?“ stehen.
„Ja!“, rief sie gegen das Brummen an.
(c) 2023, Marco Wittler
139. Pizza
Pizza
Martin öffnete den Ofen und schob die Pizza hinein, die er gerade belegt hatte.
Nur wenige Sekunden wurde es im ganzen Haus still und dunkel.
„Stromausfall? Jetzt ehrlich? Ich habe Hunger.“
Er ging zum Sicherungskasten. Hier war alles in Ordnung. An den Küchengeräten konnte es also nicht liegen.
Plötzlich drang Pizzaduft an Martins Nase. „Wie? Was?“ Er stürmte zurück in die Küche. Ein Sonnenstrahl war auf den Ofen gerichtet.
Martin blickte aus dem Fenster, sah, wie ihm die Sonne zuzwinkerte.
(c) 2023, Marco Wittler
138. Blutsauger
Blutsauger
Dracula sah vergnügt in die Runde seiner engsten Freunde, mit denen er ein Nachtmahl nahm.
„Herr.“ Ein Vampir war unauffällig an die Seite des Grafen getreten.
„Ihr habt noch Blut in den Mundwinkeln. Ihr solltet es wegwischen, damit niemand denkt, ihr könntet nicht richtig trinken.“
Dracula griff zu einer Serviette und drehte sich dem Wandspiegel zu. Er sah nichts. Er hatte vergessen, dass Blutsauger sich nicht spiegelten. Die Vampire hatten ihn wieder einmal auf den Arm genommen.
(c) 2023, Marco Wittler
137. Sammelleidenschaft
Sammelleidenschaft
Mama kam in den Garten und verdrehte die Augen. „Habe ich dir nicht gesagt, dass du deine Muscheln und Schneckenhäuser entsorgen sollst? In jeder Ecke liegen die Dinger. Man bekommt Angst, dass man darauf tritt.“
„Ach, Mama.“ Die Antwort klang traurig und enttäuscht. „Die haben aber alle einen Sinn.“
Wie auf ein abgesprochenes Stichwort begann es kurz zu regnen. Die Muscheln und Schneckenhäuser füllten sich mit Wasser und lockten durstige Insekten an.
Mama nickte. „Du hilfst damit der Natur.“
(c) 2023, Marco Wittler
136. Heavy Metal
Heavy Metal
Im Thronsaal versammelten sich die Ritter der Tafelrunde, stellten sich im Halbkreis auf und gingen auf die Knie. Sie senkten ihre Häupter vor ihrem Herrn.
König Artus nickte zufrieden. Es war alles bestens vorbereitet.
Er stand auf, griff zum Zepter und trat vor seine Getreuen.
Ein letztes Mal sah er zu den Ballustraden hinauf, wo sich der Hofstaat gebannt versammelt hatte.
„HEAVY METAL!“
Artus schwang das Zepter und legte ein Steel-Helmet-Drum-Solo hin, das die Welt noch nicht gesehen hatte.
(c) 2023, Marco Wittler
135. Seifenblasen
Seifenblasen
„Die verdammten Menschen sorgen nur für Ärger.“ Die kleine Ameise blickte von einem Baum auf zwei spielende Kinder herab.
Sie holten kleine Gegenstände aus ihren Taschen, bliesen mit den Mündern darauf und erzeugten glitzernde Blasen, die im Wind davonschwebten.
„So ein unnützes Zeug. Das braucht niemand.“ Die Ameise regte sich so sehr auf, dass sie vom Baum fiel, auf einer der Seifenblase landete und mit ihr durch die Welt schwebte. „Grandiose Idee. Menschen sind doch nicht so doof.“
(c) 2023, Marco Wittler
134. Regentropfen
Regentropfen
Es war ein schöner Sommertag, der viele Menschen in die Freibäder und an die Stauseen lockte. Der Himmel jubelte in sattem Blau.
Doch plötzlich, warum das weiß niemand mehr so genau, tauchte eine Wolke auf. Ihr folgten ihre grauen Freunde und und ließen bald keine Sonnenstrahlen mehr durch.
Kurz darauf war ein Platsch zu hören. Kleine Tropfen fielen herab und sammelten sich in den Gewässern. „Endlich sind wir wieder vereint.“ Hatten sie ihre Freunde, die Tropfen der Seen doch so sehr vermisst.
(c) 2023, Marco Wittler
133. Sauerland
Sauerland
Hoch droben, hier im Sauerlande,
lebt eine richtig fiese Bande.
Alle paar Wochen
kommt sie aus dem Versteck gekrochen.
Egal ob kleine Stadt, Dorf oder Wald,
sich macht vor gar nichts Halt.
Sie verteilt sich über das ganze Land,
hat es dann fest in seiner Hand.
Die Bande beherrscht dann Berg und Tal.
Wir Sauerländer haben keine Wahl.
Über uns hängen schwere Wolken
und werden dort großzügig gemolken.
Wir stehen dann im Regen ganz allein.
Das finden wir hier gar nicht fein.
(c) 2023, Marco Wittler
126. Nachtlicht
Nachtlicht
Hanna stand am Fenster, hatte die Schreibtischlampe ganz nah an die Glasscheibe gerückt und schaltete immer wieder das Licht an und aus. Im Sekundentakt ließ sie helle Strahlen in die Nacht hinaus.
„Was machst du da?“
Mama, die das seltsame Treiben vom Hausflur aus durch die geöffnete Tür gesehen hatte, wunderte sich.
„Ich bin ein Leuchtturm.“ Die Antwort war für Hanna völlig selbstverständlich. „Ich zeige den Fledermäusen den Weg, damit sie in der Dunkelheit nicht gegen unser Haus fliegen.“
(c) 2023, Marco Wittler
125. Künstliche Intelligenz III
Künstliche Intelligenz III
„Computer? Wie weit ist es noch?“
Der Computer meldete sich mit einem kurzen Akustiksignal, bevor er antwortete. „Vor uns noch 13,4 Lichtjahre Reisestrecke.“ Er schaltete sich wieder ab, um auf neue Sprachbefehle zu warten.
„Computer, wie lange fliegen wir noch?“
„Wenn das Schiff die derzeitige Geschwindigkeit beibehält und uns kein Hypersturm aufhält, erreichen wir das Ziel in 2,3 Tagen.“
„Computer …“
Der Computer seufzte. Wie hielten die Menschen das Reisen mit kleinen Kindern nur aus?
(c) 2023, Marco Wittler